Ein Genozid, der nicht ausgesprochen wird

Neulich habe ich das Buch „Die Deutschen und ihre Kolonien: ein Überblick“ gelesen. Es wollte so gar nicht zu den Eindrücken passen, die mir damals im Geschichtsunterricht vermittelt wurden. Zu vernachlässigen sei der deutsche Kolonialismus, insbesondere im Vergleich zu dem Gebaren anderer europäischer Mächte, hieß es dort. Ein erster Blick auf die nackten Zahlen mag das bestätigen. Aber das rechtfertigt doch nicht, Schülern so wenig über den Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia zu vermitteln – oder den Tod von 300000 (!) Menschen im damaligen Deutsch-Ostafrika in Folge des Maji-Maji-Aufstands auszublenden. Zugegeben, es ist fast zehn Jahre her, dass ich in der Oberstufe war. Also habe ich einen Blick in ein paar Schulbücher in der Kölner Stadtbibliothek geworfen.

Da es nicht ein allgemeingültiges gibt, wollte ich fair sein und habe mir eines der umfangreichsten angehen. In „Zeiten und Menschen 1“ (Schöningh) werden die Gräuel im damaligen Deutsch-Südwestafrika immerhin thematisiert. Aber weshalb tun sich die Autoren des Schulbuchs so schwer damit, von einem Völkermord zu sprechen, wie es der deutsche Bundestag seit 2015 macht? Ja, es mag aktuellere als die zehn Jahre alte Version des Buches geben, und dennoch: Veraltete Erscheinungsdaten dürften Standard an deutschen Schulen sein.

Anhand von Primär- und Sekundärquellen sollen die Schüler bewerten, weshalb Deutschland einen „Vernichtungskrieg“ in den Jahren 1904/1907 führte. Sie ziehen die Worte eines Herero-Anführers heran, der erklärt, weshalb sie Widerstand gegen die Kolonialmacht geleistet haben, die ihr Teile des Landes und ihrer Herden genommen hatte – und ihnen somit die Lebensgrundlage entzogen. Grundlage ist zudem der Schießbefehl General von Trothas, der deutsche Soldaten aufforderte, die Herero unter Androhung von Gewalt in die Wüste zu schicken, wo die Mehrzahl von ihnen verdurstete. Ungefähr 16000 der 800000 Herero dürften den „Krieg“ überlebt haben.

Ein Text in dem Schulbuch der Gesellschaft für bedrohte Völker geht auf die wichtigen Lektionen der Vergangenheit ein: „In ihren Reden zum Genozid an der jüdischen Bevölkerung betonen dies auch seit Jahren deutsche Politiker. Für einen in Afrika begangenen Völkermord im deutschen Namen sollte nichts anderes gelten“. Diese Position wird einzig von jener Interessengruppe vertreten. Ein unabhängiger Historiker, Gunter Spraul, hingegen formuliert seine Sorge vor einer „Inflationierung“ des Begriff des „Völkermord“, der immer einen Vergleich zu den Taten der Nationalsozialisten nach sich ziehe. Er äußert sich skeptisch, ob die Analogie mit den „Schreibtischmördern“ oder Mördern „aus der Grube oder der Rampe“ korrekt sei.

Hier hätte doch zumindest der Beitrag von einem der Historiker kommen müssen, der Gründe anführt, weshalb es sich um einen Völkermord handelt. Vielleicht unterschätze ich Schüler da. Aber ich fürchte, dass die vermeintlich unvoreingenomme Auslegung unterschiedlicher Quellen die Schüler ansonsten in die Richtung der akademischen Autorität führt.

Dies sei Jammern auf hohem Niveau, mag manch einer vielleicht einwenden, schließlich werde das Thema überhaupt behandelt. Genau daran habe ich jedoch meine Zweifel. Diese Zeilen sollen deshalb auch eine Anregung sein, selber mal einen Blick in weitere Geschichtsbücher zu werfen, mit denen Schüler heute arbeiten. Rückmeldung gerne per Mail (jonasgerding@gmail.com), Whatsapp (+4917684293338) oder in den Kommentaren. Mich interessiert auch, ob die Taten in den deutschen Kolonien überhaupt unterrichtet werden. Denn: Was im Schulbuch steht, muss noch lange nicht von Lehrern aufgegriffen werden.

Die gängigen Abi-Hilfen jedenfalls stimmen mich bereits skeptisch. In ihnen wird das Thema oft gar nicht – oder verharmlosend als „Hottentotten- und Herero-Aufstand“ beschrieben.

Interessiert an weiteren Kommentaren, Analysen und Leseempfehlungen? Hier könnt ihr euch in den Newsletter über das Verhältnis zwischen Deutschland und Afrika eintragen. Feedback willkommen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s