„Ein neues Netz bauen“

Titel Republica
Die Startseite des Storytelling-Projekts (Screenshot reportage.wdr.de)

Einen besseren Zeitpunkt als die re:publica hätte der WDR nicht wählen können, um ein Tool für interaktiven Journalismus bekannt zu machen: Pageflow. Eingesetzt haben sie aber auch davor schon 

Die re:publica, das alljährliche Treffen der Netzgemeinde (wenn es sie denn gibt), dauert drei Tage. Als Medium hätte man zusammenhangslos ein paar Berichte verfassen können. Und das haben die meisten dann auch gemacht. Der WDR hingegen hat sich entschieden, auf einer Seite von der Konferenz zu berichten, die sich ständig aktualisiert. Ähnlich einem Live-Ticker, nur eben nicht so öde, sondern mit ein paar der multimedialen Möglichkeiten, die es heute gibt. „Ein Jahr nach Snowden – ein neues Netz bauen“ ist ein inspirierendes Beispiel für interaktives Storytelling.

Es gibt zwei Möglichkeiten zur Navigation. Entweder man scrollt sich nach unten, dann erscheinen Erklärtexte vor schmucken Fotos und Bewegtbildern der Konferenz, Videobeiträge und Interviews. Zum Beispiel von der Bloggerin Yasmina Banaszcuck, die ernüchtert feststellt, dass „die Netzgemeinde, so wie sie momentan beschaffen ist, gescheitert ist“. Alternativ kann man auch in einer Übersicht alle Beiträge auf einen Blick haben.

Das Tool, mit dem sie die Webdoku aufgesetzt haben, heißt Pageflow und wurde vom WDR und Codevise konzipiert. Damit haben sie zuvor unter anderem auch schon innovativ über den Einsturz des Kölner Stadtarchivs und ein Downhill-Rennen berichtet. Das spannende daran: Anlässlich der re:publica haben sie den Code für das Programm veröffentlicht. Demnächst wollen sie Pageflow auch weniger tech-affinen Nutzern zur Verfügung stellen. Wie viele in den Genuss kommen werden und was sie dafür verlangen, ist allerdings noch offen. Aber der Ansatz, Journalisten die Software in die Hand zu geben, multimedial ihre Geschichten zu erzählen, hat enorm viel Potential. Gerade für freie Journalisten und kleine Redaktionen, die nicht wie die großen Verlage auf Programmierer zurückgreifen (könnten).

Ein anderes – in der Testversion kostenloses – Tool für Webdossiers ist übrigens Ready Mag. Schön angewendet von Laura Schameitat in einer Interview-Serie über protestierende junge Menschen in Ungarn.

Der deutsche Journalismus würde die digitale Revolution verschlafen. Ich kann dieses ewige Lamento nicht mehr hören. Weil es nicht stimmt. Es gibt mittlerweile ausgezeichnete innovative und multimedial erzählte Geschichten. Wir bräuchten nur mehr davon. Deshalb hier: eine gelegentliche Prise Inspiration.

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