140 Gerichte. Wie viele Gerichte hatte mein Repertoire zuvor? 20? 30?
140 Rezepte! Wie viele Gerichte kannte mein Repertoire zuvor? 20? 30?

Manches muss man einmal gemacht haben, um mitreden zu können. Sich vegan zu ernähren zum Beispiel. So habe ich mir vorgenommen, drei Wochen auf tierische Produkte zu verzichten. Und bleibe nun dabei. Die Chronik eines Bewusstseinswandels

Seit zweieinhalb Jahren bin ich Vegetarier. Beim Weihnachtsfondue oder als Gast im fleischverrückten Ausland werde ich manchmal schwach. Ansonsten ist es mir immer leicht gefallen. So leicht, dass ich nun versucht habe, für drei Wochen ganz auf tierische Produkte zu verzichten – inspiriert durch einen WG-Mitbewohner. Mein veganes Experiment.

Erste Woche: Der Hunger und die Lindtschokolade

Am Montag soll es losgehen. Nichts tierisches essen, abgesehen von den Resten im Kühlschrank. Schon am Wochenende hatte ich mir ein Chili ohne Hackfleisch gekocht. Wenn das jetzt jeden Tag so abläuft, wird das ganze eine Spaziergang.

Dachte ich mir so. Der Sojadrink vom Aldi in meinem Müsli schmeckt wie Leitungswasser, in das man einen Esslöffel Mehl gekippt hat. Und der Schuss in meinen Kaffee sieht auch noch genau so aus.

Die Kantine meiner Münchner Praktikumsstelle ist eigentlich klasse. Jeden Tag gibt es mindestens ein fleischloses Gericht. Nur leider soll die ganze Woche entweder mit Käse überbacken, mit Sahne verrührt oder mit Eiern gekocht werden. Ich stelle mich brav am Salatbuffet an. Und futter dann an den Abenden schon wieder Salat – weil noch welcher im Kühlschrank oder ich zu faul zum kochen bin. Ein Glück, dass dort auch noch Käse von der Vorwoche lagert, den ich ich nicht verderben lassen werde. Und Honig. Mmmmh. Honig.

Ihr könnt mich alle mal. Da liegt edles Schokosündenzeug von Lindt. Ich bin in Köln, wo ich sonst wohne. Nur kurz, für ein, zwei Tage. Und im Wohnzimmer lockt dieses teuflische Präsent von Gästen, die hier genächtigt hatten. Ich esse es. Später treffe ich mich mit einem Kumpel in der Mensa. Ich esse die Gnocchi mit der Sahnesauce. Am Bahnhof kaufe ich mir eine Laugenstange. Ich habe wohl schon wieder Tiere auf dem Gewissen, verrät mir auf der Heimfahrt Google. Das Gebäck ist meist mit Schweineschmalz und Milch zubereitet.

Zweite Woche: Alles wird gut

In einem Supermarkt kann man im Schnitt 10 000 Artikel kaufen. Zehntausend! Trotzdem könnte ich heulen. Das leuchtende Kühlregal ist tabu. Ganz stimmt das nicht. Irgendwelche Tofu-Bällchen darf ich essen. Auch in den meterlangen Tiefkühlkisten lagern eisgefrorene Beeren und Gemüse. Aber der Rest ist verbotene Ware. Heute gibt es Gemüsetortellini mit Brokkoli und Sojasahne. Aber Sojasahne schmeckt. Ich schwör’s!

Mein ambitionierter Mitbewohner lacht. Wir sind in München. Nur in Prenzlberg gibt es mehr Bioläden pro Kopf. Probiere da dein Glück, rät er mir. Nach der Arbeit schlendere ich durch einen. Es soll dort keine wassermehlartige Sojaplörre geben, sondern richtig heißen Stuff: Sojadrinks, die nach Vanille und Schokolade schmecken; Reis und Mandelmilch, mit Agavensaft versüßt. Dagegen ist die Milchauswahl im Supermarkt DDR-Anachronismus. Curry-Tofu und Oliven-Tomaten-Pesto gibt es auch. Und so viele Brotaufstriche wie Simpsons-Staffeln. Ich balanciere sieben Produkte zur Kasse. 23 Euro. Ufff.

Ich leihe mir ein veganes Kochbuch. Ich sollte regelmäßig Tabletten mit Vitamin B12 nehmen, steht dort. Ansonsten wird jedoch alles gut werden. Viel besser als früher sogar. Ich werde ein reines Gewissen haben. Seltener krank, schlank und sportlich werde ich sein und kein Deo mehr brauchen. Nun ja, wenn auch nur ein Teil davon stimmt, reicht das ja schon. 140 Gerichte stehen in dem Kochbuch. Aus wie vielen Gerichten mein alltägliches Repertoire wohl besteht? Aus 20, 30 Gerichten? Alles wird gut.

Dritte Woche: Der zuckersüße Abschied vom Honig

Alltag. Morgens Müsli, meist mit Sojadrink und Obst. Mittags Salat oder Antipasti in der Kantine, danach einen Kaffee-Soja. Abends koche ich. Das dauert alles. Schon am Vorabend blättere ich mich durch das Kochbuch und klicke mich durch hilfreiche Internetseiten. Nach der Arbeit radel ich beim Aldi vorbei – aber nur für die billigen Basics. Für den Rest klappere ich noch diverse Bioläden und den Tengelmann um die Ecke ab.

Ich probiere Produkte aus, an die ich mich zuvor nicht gewagt hatte. Radicchio und Zartbitter-Schokolade zum Beispiel. Ich eile nicht mehr durch den Supermarkt und werfe die immergleichen Dingen in den Korb. Ich stöbere. So, wie ich es sonst nur in Buchhandlungen mache. Ich lese auf Verpackungsrückseiten, wo die Produkte herkommen, wie sie zusammengesetzt sind und ob sie mir die Nährstoffe für ein gesundes Leben liefern. Es ist ein abgegriffener Begriff, aber ich glaube, er trifft es: Ich ernähre mich bewusst.

Vor wenigen Tagen hat die UN wieder einmal einen desaströsen Klimabericht vorgelegt. In der Süddeutschen Zeitung fordert irgendein Schlauberger augenzwinkernd, dass wir nicht einen, nein, fünf Veggie-Days bräuchten, um unserem Planeten zu retten. Es ist Samstag, es regnet und ich stehe auf dem Marienplatz in der Münchner Innenstadt. Die Vegane Gesellschaft Deutschland hat zum veganen Oktoberfest geladen. Zu 50 Prozent würde die drohende Klimakatastrophe auf das Konto der Produktion von tierischen Lebensmitteln gehen, steht in einer Infobroschüre, die an einem der Stände ausliegt. Die Veranstalter wollen zeigen, dass ein anderes Leben möglich ist, dass auch die vegane Variante des traditionell bayerischen Obazda schmeckt.

Die SOKO Tierschutz zeigt Bilder von leidenden Kühen, die auf engstem Raum Milch geben müssen oder zum Schlachter gezerrt werden. Postkarten liegen aus, auf die man eine bitterböse Nachricht an Unternehmer schicken kann, die für Wiesenhof Mastanlagen errichten wollen. Und die Ärzte gegen Tierversuche erklären, weshalb die Forschung auch ohne Tiere Fortschritte erzielen könnte. Ich unterhalte mich kurz, nehme mir einen Stapel Broschüren und gehe wieder.

Mir wird das schnell zu viel. Irgendwie haben sie ja recht. Irgendwie aber auch nicht. Zumindest diejenigen, die verurteilen. Fehltritte lauern überall: Ich werde weiterhin Flugzeug fliegen, weiterhin Plastikverpackungen verschwenden, weiterhin Esprit-Klamotten kaufen, im Winter die Heizung laufen lassen und mich stundenlang durchs Internet klicken. Und viele der veganen Aktivisten werden es wohl auch nicht anders machen.

Doch ihre Argumente lassen mich nicht los. Ich ziehe es durch, sage ich mir. Ich werde versuchen, ein weitgehend veganes Leben zu führen. Und meinen eigenen Weg finden. Im Gespräch werde ich versuchen, zu überzeugen und nicht zu moralisieren. Ich werde eingestehen, dass es anstrengend ist. Aber bezeugen, dass es ein Leben bereichern kann. Ich werde weiterhin meine Lederjacke tragen. Aber nicht mehr stolz darauf sein.

Ob ich mir noch einmal schöne Schuhe aus Leder kaufen werde? Ich weiß es nicht. Ob ich an Weihnachten noch Fondue essen werde? Oder ob mir das Mousse au Chocolat meiner Tante schon Ausrutscher genug sein wird? Ob ich mir doch hin und wieder eine Falafel-Tasche mit Kräutersauce kaufe, wenn an hektischen Tagen keine Herdplatte weit und breit ist? Und schlage ich jetzt die Einladung zu einem vegetarischen Abendessen bei Freunden aus? Keine Ahnung.

Ich weiß, dass ich es versuchen werde. Und mir verzeihe, wenn ich es mal nicht schaffe.

Ich weiß, dass es sich gut anfühlen wird, wenn ich es schaffe.

Und ich weiß, dass ich beim Gedanken an edlen Löwenzahnsirup genauso dahinschmelze wie einst an Honig. 

9 Gedanken zu “Goodbye, honey

  1. Big respect. Ich hab nach sieben Monaten wieder aufgegeben, mag die Zeit aber nicht missen. Und ich konsumiere bis heute hr viel bewusster… Go for it!

    1. Danke dir! Kann mir vorstellen, dass du in sieben Monaten viel dazugelernt hast. Allein in den drei Wochen hat sich ja bei mir schon total viel getan. Hattest du dich davor auch schon vegetarisch ernährt? Freu mich übrigens immer über hilfreiche Links zu Rezepten und co

      1. Yeah, danke dir, Josi. Werde mal versuchen, das Mousse au chocolat bei uns an Weihnachten ins Rennen zu schicken. Vielleicht schmeckt es ja sogar noch besser … 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s