Die Nachrichtenverleser des Staates

50 Minuten können verdammt lange sein: Coco Anais und ihrem Moderationspartner bleibt nichts anderes übrig als zu warten

Schon der Diktator Mobuto wusste das kongolesische Staatsfernsehen als Waffe der Propaganda zu nutzen. Lange dümpelte der Sender RTNC vor sich hin. Jetzt wird er modernisiert, bleibt allerdings am strengen Zügel des Staates. Und so richtig funktionieren will die Technik auch heute noch nicht.

20 Sekunden noch. Coco Anais läuft die Zeit davon. 10 Sekunden, 5 Sekunden. Dann ist es Punkt 20 Uhr. Die Nachrichtensprecherin hat ihren Text vor sich auf dem Holztisch liegen. Sie könnte jetzt ablesen, dass der Politiker Matadi Wamba die Handlungen des Präsidenten für den Frieden und die nationale Einheit im Lande gut heißt. Sie könnte ablesen, dass sich die Christen in einer Ostprovinz gegen den Einfluss des rivalisierenden Nachbarlands wehren. Aber sie starrt schweigend auf den schwarzen Fernsehbildschirm, den die ganze demokratische Republik Kongo seit einer halben Stunde zu sehen bekommt. Über eine dreiviertel Stunde wird sie sich noch gedulden müssen. Dabei hätte mit dem neuen Studio alles besser werden sollen.

Als Coco Anais am frühen Nachmittag vor dem eingezäunten Gelände des Senders ankommt, lungern dort Soldaten mit Gewehren auf Plastikstühlen. RTNC –  Radio Télévision Nationale Congolaise – steht auf dem Torbogen über ihnen. Sicherheitsleute inspizieren Ausweise, Einladungen, Akkreditierungen und jegliche Papiere, die belegen sollen, dass man an ihnen vorbei darf. In Kinshasa wird der Krieg schon lange nicht mehr ausgetragen. Die Rebellen fordern die Armee im Osten des Landes heraus, mehr als 1500 Kilometer entfernt. Dennoch erklären sie den Sender zum „strategischen Ort“ und so dauert es einige Minuten bis sie die Schranke öffnen und ein Auto passieren lassen.

Der Diktator und sein Prestigeprojekt

Der ehemalige Despot Mobuto Sese Seko hatte schnell begriffen, dass er für eine ordentliche Diktatur nicht nur Oppositionelle öffentlich hinrichten und die Staatskasse plündern, sondern auch einen Personenkult à la Mao und Stalin betreiben müsse. Also schuf er 1969 den Vorgänger des Fernsehsenders. Fortan schwebte er jeden Abend wie ein Heiliger auf den Fernsehschirmen des Landes. Mittlerweile ist er seit 16 Jahren tot. Vor sieben Jahren stellten sich die Kongolesen zur ersten freien Wahl an. Doch noch immer gehört der Sender dem Staat.

Selbst das Hauptgebäude ist erst einmal ein Sprung ins vergangene Jahrhundert. Mobuto hat in seinem Prestigewahn einen Turm errichtet, der sich mehr als 20 Stockwerke gen Himmel streckt. Die Farbe der Fassade ist grau und meterweise abgebröckelt. Die Fenster des Wartezimmers in der ersten Etage sind hoffnungslos verschmiert. Ein Fernseher flimmert mit Bildrauschen vor einer Wand, an der eine vergilbte Karte Afrikas und ein eingerahmtes Bild des Staatsoberhauptes hängt: „Joseph Kabila Président, Président de la République Démocratique du Congo“

Der privaten Konkurrenz voraus

Ein paar Zimmer weiter sitzt der Assistent der Direktorin in seinem Büro. Auf seinem Schreibtisch türmt sich stapelweise Papier. Lange würde es hier nicht mehr so aussehen, entschuldigt er sich für den Zustand des maroden Gebäudes. Bald werde es saniert werden. Die privaten Konkurrenz hätte viel investiert in neue Studios, Kameras und Ausbildung. Da müsse das Staatsfernsehen mitziehen.

Nach seinen Angaben arbeiten 2600 Menschen für den Sender: in der Zentrale in Kinshasa und in den Provinzen des Landes, wo sie in allen wichtigen Städten eine Sendestation stellen möchten. Da könne kein anderer Sender mithalten – weder die Privaten wie Mirador, noch die Stationen der Religionsführer wie Amen TV oder DigitalCongo, das von der Frau des Präsidenten geleitet wird. Und die wenigen Zeitungen mit ihren kleinen Auflagen schon gar nicht.

„Die Stimme der Regierung“

Er unterbricht das Gespräch, greift zu seinem krächzenden Funkgerät und gibt ein paar Anweisungen in der Landessprache Lingala. Dann fährt er fort. „Wir müssen den privaten Sendern einen Schritt voraus sein“. Nur so können der Sender weiterhin seine Ziele verfolgen: „Informieren, lenken und unterhalten“, erklärt er. Immer wieder kommt er dabei auf die Phrase zurück: „Der RTNC – das ist die Stimme der Regierung“.

Ein verglaster Gang verbindet das alte und das neue Staatsfernsehen. Getrennt nur durch eine Tür – und einem gewaltigen Temperatursturz: Rotierten sich noch in Mobutos Turm verzweifelte Ventilatoren ins Nirvana, kühlt die Klimaanlage den kastenförmigen Neubau auf Hotelmodus. Der Sender hat etliche top ausgestattete Regieräume, kleine Nachrichtenstudios, Aufnahmehallen für Konzerte und CDs kongolesischer Popstars. Der Stolz des Senders ist jedoch das Studio „Maman Angebi“ mit einer riesigen Leinwand, Zuschauerrängen bis unter die Decke und Kameras, die auf Schienen vor der Bühne hin und her kurven. Der „Revolution der Moderne“, wie sich der Sender auf einem Plakat rühmt, dass die Außenwand des Gebäudes füllt.

Auf den Castinghype folgt der Blackout

Mittlerweile ist es früher Abend. Die Leoparden, die nationale Fußballmanschaft hat sich gerade wacker in einem Heimspiel gegen Libyen gehalten. Für ein Unentschieden hat es gereicht. „Best of the best“ hat RTNC zur dankbarsten Sendezeit platziert. Junge Musiker singen der Reihe nach vor, scheitern oder kommen in die nächsten Runde, manche sind gar nicht einmal schlecht, andere total daneben. Das Strickmuster der weltweiten Castingshows: Kassiert wird mit den Telefonhotlines für die Kandidaten.

Die Sendung läuft auf einem Fernseher der Größe einer Mikrowelle in einem Raum der Größe eines Kinderzimmers. Hier arbeitet die Nachrichtenleitung in den Gemäuern des Mobuto-Turms. Einige der Deckenplatten sind herausgebrochen, aus dem Loch tropft gelegentlich Wasser, das auf dem Boden gelbe Ringe hinterlässt. Und auch hier wacht über dem Chaos, neben einem Spinnennetz, Präsident Kabila. Schräg unter ihm sitzt die Moderatorin Coco Anais an einem der beiden Schreibtische und bereitet mit einem Kollegen ihren Auftritt vor.

Die Minister und ihre Journalisten

Die Schlagzeilen des Abendjournals stehen schon um 14 Uhr – zumindest die, die planbar sind. Reporter bringen zur Mittagskonferenz ihre Themen mit. Die Umsetzung ist meist klar organisiert: Jeder Journalist ist für einen Minister, Gouverneur oder andere Funktionäre akkreditiert und arbeitet mit ihnen – sei es im Bereich Verkehr, Umwelt oder Kunst. Sobald der Minister ein neuen Maßnahmenkatalog des Ministeriums vorstellt, bei Projekten nach dem Rechten sieht, Gebäude oder Straßen einweiht, Schulen besucht oder Reden hält ist der Journalist zur Stelle und nimmt das Ganze per Video auf. Danach schreibt er in einigen Sätzen auf ein Blatt Papier, wie das in den Nachrichten angekündigt werden könnte und überreicht dies anschließend Coco Anais. Sie sammelt die Vermeldungen zu einem Stapel, formuliert den ein oder anderen Satz in ihre eigene Sprache um und diktiert schließlich ihrem Kollegen die Sätze, der sie auf seinem Laptop für den Teleprompter in ein Word-Dokument tippt.

Etwa 45 Minuten wird das Journal heute dauern. Als die beiden so gut wie fertig sind, wird der Bildschirm des kleinen Fernsehers plötzlich schwarz. Ein technische Störung. Keiner weiß so recht warum. In einem Land, in dem in manchen Stadtteilen drei, vier mal am Tag der Strom ausfällt ist das kein Grund in Panik zu verfallen. Es bleibt noch eine halbe Stunde bis zur Sendung. Coco Anais kramt Lippenstift und Spiegel aus ihrer Handtasche hervor und beginnt sich zu schminken.

Der erlösende Ruf aus der Regie

Dann wandert sie durch den Glaskorridor ins neue Staatsfernsehen. In dem Studio, in dem sie sonst auftreten, ist der Strom ausgefallen. Also ziehen sie in eine überdimensionale Aufnahmehalle um. Ihr Kollege vergrößert die Schrift des Word-Dokuments und setzt den Laptop auf einen schulterherhohen Hocker. Et voilà, der Teleprompter zum Ablesen der Nachrichten steht. Nur die Verbindung zur Außenwelt, die um 20 Uhr auf die Nachrichten wartet, die steht nicht. Auch nicht um 20.15 Uhr. Um 20.30 Uhr flimmert eine Wiederholungssoap über den Bildschirm mit dem Hinweis am unteren Bildrand: Man arbeite daran, den technischen Defekt zu beheben.

Um 20.50 Uhr kommt der erlösende Ruf aus der Regie. Es kann losgehen. Coco Anais Moderationspartner beginnt seinen Part: “Der Präsident der demokratischen Republik Kongo Jospeph Kabila hat das Institut de la Gombe besucht, um sich von der Qualität der Arbeiten zu überzeugen, die durch die Regierung finanziert wurden.“

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