Mit Feldarbeit zum Schulabschluss

Kindearbeit

Eineinhalb Stunden täglich schuftet Adrien Butsianga Butsianga (Mitte) mit seinen Mitschülern im Garten des Internats

Früchte ernten, Fische fangen und Holz hacken: Sie sind noch Kinder – aber müssen täglich eineinhalb Stunden arbeiten. So senkt ein kongolesisches Internat die Schulkosten. Und nimmt Schüler auf, für die Bildung sonst unbezahlbar ist. 

Er hat es fast geschafft. In fünf Monaten will Adrien Butsianga Butsianga sein Abschlusszeugnis in den Händen halten. Er ist Schülersprecher, die Noten passen. Es sieht gut aus für den 19-Jährigen. Dabei hätte er es nie so weit gebracht, wenn er nicht seit der siebten Klasse jeden Nachmittag die Schulbücher zuklappen, zur Machete greifen und mit seinen Mitschülern in der Tropenhitze im Garten der Schule arbeiten würde.

Schulen gehören in der demokratischen Republik Kongo zwar meist dem Staat. Bezahlen müssen die Eltern aber trotzdem: Auf jährlich 600 Dollar für einen Platz im Internat plus 90 Dollar für den Unterricht summiert sich das in Kangu, der Region in der auch Adrien lebt. „Meine Eltern hätten sich das nicht leisten können“, sagt er. 

Das spärliche Ernte aus der Landwirtschaft im angrenzenden Wald reicht dafür nicht aus. Das Konzept ermöglicht es ihm und den anderen Schülern trotzdem auf ein Internat zu gehen: Die Schule versorgt sich teilweise selbst – zum Beispiel mit Gemüse und Obst, das die Schüler pflanzen und ernten. So spart die Schule Geld für Nahrungsmittel und bietet Internatsplätze, für die Eltern ein Drittel weniger zahlen müssen als gewöhnlich. Gerade für die Familien kleiner Dörfer, weit abgelegen von der nächsten Schule, ist das die einzige Möglichkeit, die Kinder auf die Schule zu schicken.

Seit 1978 steht das Internat auf einem Hügel über dem kleinen Ort – nahe der anderen Gebäude der ehemalige belgischen Mission. Fünf Minuten laufen die Schüler zu den Klassenräumen, zwei Minuten zur Kirche. Ein schmaler Trampelpfad führt von den Schlafsälen des Backsteinhauses herab zu drei kleinen Teichen – vorbei an Kokospalmen, Obstbäumen und Bienenstauden. Jeden Nachmittag hacken die 54 Schüler eineinhalb Stunden lang Holz, ernten, pflanzen, imkern und fischen.

Francois Mamona Bambu ist 23 Jahren alt. Monsieur Francois nennen die 12 bis 19 Jahre alten Schüler ihren Lehrer und Internatsleiter. „Ganz unabhängig sind wir natürlich nicht“, erklärt er. So lagern in der Küche Reissäcke. „Aber der Fisch zum Abendessen – der kommt aus dem Teich“. 

Davon profitieren auch 15 Waisen. Zwar fangen die engen kongolesischen Familen viel auf: Onkel, Tanten, Großeltern und Geschwister Geld kratzen Geld für die Schule zusammen. Dennoch reicht das für die gewöhnliche Schule oft nicht aus. Für die „Cité de jeunes“, die „Stadt der Jugendlichen“, wie das Internat heißt, hingegen schon.

Die Schüler kochen, bauen Hütten, organisieren sich in Pfadfindergruppen. Ist Monsieur Francois einmal nicht da, hat Schülersprecher Adrien das Sagen. Verantwortung und die Anleitung zum selbständigen Arbeiten sei wichtig, erklärt Monsieur Francois. Mit einem Kugelschreiber schreibt er den Tagesplan auf ein Blatt Papier:

Montag bis Samstag.:

  • 5.10 Uhr – Aufstehen und Waschen
  • 5.30 Uhr – Lernen
  • 7:00 Uhr – Frühstücken
  • 7:30 bis 12: 50 Uhr – Unterricht
  • 13:20 Uhr – Mittagessen
  • 13:45 Uhr bis 15:15 Uhr – Arbeiten
  • 16:00 Uhr – Waschen
  • 16:30 – Lernen
  • 18:30 – Abendessen
  • 20:30 Uhr – Bettruhe (7. bis 10. Klasse
  • 21:15 Uhr – Bettruhe (11. und 12. Klasse)

Sonntag morgens ist Gottesdienst. Und danach Zeit sich zu erholen, die Schulkleidung zu waschen und Fußball zu spielen.

2 Gedanken zu “Mit Feldarbeit zum Schulabschluss

  1. Happy birthday, Jonas
    Kommentar zur Kinderarbeit und Schulgeld
    Das haben dein Großeltern für mich auch noch bezahlen müssen
    und ich durfte auch wenigstens 1,5 Stunden am Tag in der Backstube oder im Laden helfen. So lange ist das bei uns in Deutschland auch noch nicht vorbei.

    Alles Liebe und bleib gesund
    Tante Brummel

    1. Danke für den Geburtstagsgruß 🙂 Und zu dem Schulgeld: Guter Hinweis! Auch in anderen Aspekten – zum Beispiel der Rolle der Frau in der Gesellschaft – ist das hier hin und wieder eine Reise in die (deutsche) Vergangenheit. Eine wertvolle Erfahrung! Viele Grüße aus Brazzaville

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