Im Kongo pfeifen Entwicklungshelfer auf den Pressekodex

Ich war im Rahmen meines Praxissemester beim Pole Institute im Kongo, dort vor allem eingespannt in die Arbeit des lokalen Radiosenders Pole FM. Das Institut hat seinen Sitz in Goma, im Osten des Landes. Ich müsste an dieser Stelle zu weit ausholen, um die komplexen Konflikte zu erklären, die in den letzten Jahrzehnten mehrere Millionen Tote gefordert haben. Nur so viel: Vor diesem Hintergrund ist eine Friedensmission der Vereinten Nationen (aka MONUSCO) vor Ort und zahlreiche internationale Organisationen, sowie Nichtregierungsorganisationen aus der ganzen Welt.

Wenn nun zum Beispiel die Weltbank eine neues Projekt startet –  beispielsweise eine Straße baut – ist sie auf gute Publicity angewiesen. Sie wird Verträge mit lokalen Radiosendern schließen, die Journalisten zu den Projekten schicken, um umfangreiche Reportagen darüber zu produzieren. Ganze Sondersendungen entstehen so, oft viele Folgen lang, häufig über mehrere Monate hinweg ausgestrahlt und wiederholt. In jenen sogenannten “Publireportagen” erzählen Anwohner, Politiker und Projektleiter, wie sich das Leben aller dank der Straße zum Guten verbessert hat. Negatives hat da keine Platz. Wie denn auch? Es handelt sich schließlich um Werbung, für die Organisationen tausende Dollar springen lassen.

Einzig: Es wird niemandem erzählt, dass es sich hier um Anzeigen handelt. Die PR kommt als seriöse, unabhängig recherchierte Reportage daher. Nun gut, die Organisationen betreiben ja Entwicklungshilfe, verfolgen gute Zwecke, mag man hier einwänden. Aber: Wie überall liegen auch da Dinge im Argen, wie nicht zuletzt der Oxfam-Skandal zeigt, der “MeToo-Moment der Entwicklungsindustrie”. Angenommen, bei dem beworbenen Projekt geht alles mit rechten Dingen zu; aber es liegen Informationen über Vergehen in einem anderen vor: Wie bitte soll ein Radiosender darüber kritisch berichten? Die Abhängigkeit von den Geldgebern ist meist so hoch, dass sie diese nicht hart angehen werden.

In Deutschland würden Organisationen wie die Weltbank oder Ärzte ohne Grenzen solche manipulative Werbung wohl nicht spielen. Sie hätten Skrupel, wie auch die Medien selbst, die Artikel 7 des Pressekodex kennen. Dort steht:

“Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten beeinflusst werden. Verleger und Redakteure wehren derartige Versuche ab und achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken.”

Ja, auch hierzulande gibt es mittlerweile Sponsored Posts: bezahlte Artikel, von Werbekunden formuliert, die auf News-Seiten veröffentlicht werden. Und auch Podcaster sprechen Annoncen selbst ein. Immerhin ist das jedoch als Werbung gekennzeichnet – und bleibt aus guten Gründen unter Medienleuten umstritten.

“Verleger und Redakteure” müssten für die Trennung sorgen, heißt es im Pressekodex. Das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass die Organisationen fein raus sind, die in Entwicklungsländern ihre PR als unabhängige Reportagen unters Volk bringen. Denn sie wissen, wie knapp bei Kasse lokale Radiosender sind, die auch schon mal einen wohlgesonnenes Porträt über korrupte Politiker gegen Bares bringen. Organisationen nutzen deren Schwäche aus – und fördern damit, gegen was sie eigentlich ankämpfen sollten: ein System, in dem Geld eine höhere Priorität als die Wahrheit genießt.

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