Bei den Barfußchristen

im Gleichschrtt: Würdenträger der Kirche der Kimbanguisten
Nicht ganz im Gleichschritt: Würdenträger der Kirche der Kimbanguisten

Mehr Religion à la congolaise geht nicht. Acht Stunden huldigen die Kimbanguisten jeden Sonntag ihren Propheten Simon Kimbangu – ohne Schuhe und mit Marschmusik in Endlosschleife. 

Der Sicherheitsmann am Eingang mustert meine Akkreditierung. Eigentlich möchte ich ja nur gerne ein paar Fotos eines Gottesdienstes unter freiem Himmel machen. Warum da nichts von Berichterstattung über die Kirche der Kimbanguisten stehe, fragt er mich. Ob ich denn wenigstens Kirche der Kimbanguisten angehöre? Nach fünf Minuten lässt er mich durch. Die Akkreditierung wandert weiter – zum Mitarbeiter des Radiosenders, zum Leiter des Radiosenders und schließlich zum Chef der kongolesischen Kommunikationsabteilung der Kimbanguisten. Nach einer dreiviertel Stunde halte ich sie wieder in den Händen. Immerhin: Ich darf Fotos machen, fürchte allerdings, dass ich jetzt jedes einzelne Foto anmelden muss.

Ich ahnte noch nicht, dass mir in wenigen Stunde eine zweite Speicherkarte angeboten wird und ich sogar eine Rolle in der Zeremonie zugewiesen bekommen werde.

Weltweit gibt es 5,5 Millionen Kimbanguisten. sagt zumindest Wikipedia. Viel mehr seien es, sagt einer der Mitarbeiter des Radiosenders: 17 Millionen. Sie seien „nombreux“, sagt sein Kollege. Belassen wir es doch einfach dabei: Die Kimbanguisten sind vielzählig und die drittgrößte christliche Kirche im Kongo, nach den Katholiken und Protestanten. Dabei gibt es sie erst seit 1921, als Simon Kimbangu in Gottes Auftrag Kranken geheilt haben soll und zum Propheten und Quelle der Hoffnung für viele Kongolesen werden sollte. So die Überlieferung.

Um neun Uhr ist noch fast keiner von ihnen da. Die ersten Frauen, in traditionell grün-weißer Tracht, üben den Choral. Barfuß oder mit Socken, wie es vorgeschrieben ist. Mit der Hitze kommen nach und nach die ersten Familien. Um zehn Uhr beginnt der erste Chor offiziell zu singen. Dann der zweite, der dritte. Bis fast jede der 24 Kommunen Kinshasas einmal zum Zug gekommen ist. Erst dann sind sie alle da: Die Priester, denen rechts des Altars im Schatten eines Daches grüne Plastikstühle zugewiesen werden. Die Nachfahren der Familienmitglieder und geladene Gäste aus Politik und Wirtschaft logieren links des Altars. Die gewöhnlichen Gläubigen sitzen auf Stühlen oder auf der Wiese, verborgen hinter einem Meer bunter Regenschirme, die vor der Sonne schützen. Wie viele? „Nombreux“ seien sie, sagt wieder einmal der Radiomann.

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts brauchte Simon Kimbangu nur wenige Jahre um viele Anhänger um sich zu scharen. 1919, im Alter von 32 Jahren, so erzählen die Kimbanguisten, habe ihr Prophet zum ersten Mal göttliche Visionen gehabt. Eine im sterben liegende Frau soll er geheilt haben, in den zwei darauf folgenden Tagen einen Blinden und Tauben. Es waren bittere Zeiten für die Kongolesen. Zwar war die Sklaverei abgeschafft. An der Ausbeutung und Erniedrigungen beim Bau von Eisenbahnlinien und der Arbeit auf den Kautschukplantagen hinderte das die belgischen Kolonialherren allerdings nicht. Und so verbreitete sich die Nachricht eines schwarzen Messias wie ein Lauffeuer.

„Kimbanguiste oyé! Oyé! Oyé! Oyé! Espoir du monde église universelle!“, wiederholen die Kimbanguisten noch heute mantraartig die Worte der Vorbeter: „Es lebe der Kimbanguismus, Hoffnung der Weltkirche.“ (grob übersetzt). Vier Stunden haben Priester bereits gepredigt, Chöre gesungen, Kapellen und Bands gespielt, ungefähr 20 Frauen haben sich in einer Reihe aufgestellt, um die Kleinkinder, die sie in ihren Armen wiegen, taufen zu lassen. Dann holt die Kapelle zu einer letzten gewaltigen stundenlangen Variation von Marschliedern aus – ohne Notenblätter, laut und mit improvisierten Schlenkern abseits der europäischen Vorgaben.

Simon Kimbangu wollte das Christentum mit der afrikanischen Kultur versöhnen. Keine Rebellion anzetteln. Als die ersten Arbeiter zu ihrem Propheten pilgerten, anstelle zur Arbeit zu gehen, wurde die belgische Regierung jedoch unruhig. 1921 marschierte die Armee in das Dorf des Propheten ein, tötete einen der Kimbanguisten und verhaftete die Anführer der Bewegung. Mit einer Ausnahme: Simon Kimbangu selbst, dem die Flucht gelang. Nach sechs Monaten stellte er sich dem Militärgericht, das ihm Umsturzpläne unterstellte und zum Tode verurteilte. König Albert begnadigt ihn zwar. Die nächsten dreißig Jahren bis zu seinem Tod. verharrte er jedoch in einer Gefängniszelle, tausende Kilometer von seiner Heimat entfernt. Belgisch-Kongo hatte einen Martyrer.

Im Video: Ein kurzes Medley der Musik der Kimbanguisten - mit Chor und Orchester
Im Video: Ein kurzes Medley der Musik der Kimbanguisten – mit Chor und Orchester

80 Männer und Frauen sind soeben zurückgekehrt von einer Tour durch die Reihen der Gläubigen, bei denen sie eimerweise Geldnoten gesammelt haben. Vor einem steinernen Pavillon, dem zum Altar der Kimbanguisten sitzt der Repräsentant der Kirche Kinshasas auf einem Plastikstuhl und beobachtet seine Jünger, wie sie an ihm vorbeiziehen: Männer, Frauen, Kinder, alle in der traditionellen grün-weißen Uniformen, alle ohne Schuhe. Sie salutieren ihrem Anführer, tanzen für ihn, marschieren mit den Transparenten ihrer Stadtteile.

Ich mache eine kurze Pause vom Fotografieren, da kommt schon der Mann vom Radio. „Wenn die Speicherkarte voll ist, werden wir eine für dich finden“, bietet er an. „Keine Sorge, da ist noch Platz“, antworte ich. „Dann mach‘ weiter Fotos“, fordert er mich auf, „um unsere Botschaft zu verbreiten.“ Denn der Prophet Simon Kimbangu habe eine neue Ära eingeläutet: Die heilige Dreifaltigkeit, das sei der Gottvater im Körper Simon Kimbangus erstem Sohn. Jesus Christus sei im Körper seines zweiten Sohnes wiedergeboren worden und der heilige Geist manifestiere sich im Körper seines letzten Sohnes.

Das müsse doch als Beweis genügen für die Botschaft der Kimbanguisten: „Gott ist schwarz!“, sagt er.

Die Kapelle spielt und spielt. Eine Stunde, zwei Stunden vergehen. Der Zug der Kimbanguisten nimmt kein Ende. Moderatoren kommentieren in Französisch, der Landessprache Lingala und dem Kikongo, der Sprache ihrer Religionsführer.

„Du sprichst Deutsch, oder?“, fragt mich Belange, einer der Moderatorinnen des Radiosenders. „Dann bist jetzt du an der Reihe“. „Deutsch? Das wird doch niemand verstehen“, erwidere ich. „Aber es ist deine Muttersprache“, sagt sie und drückt mir das Mikrophon in die Hand. „Es ist eine große Ehre für alle Kimbanguisten in der traditionellen grün-weißen Tracht an ihrem Religionsführer vorbeizuziehen“, beginne ich meine Rede.

Kurz darauf interviewt mich Belange für den landesweiten Fernsehsender der Kimbanguisten. Die Fragen auf Französisch, die Antworten – wie kann es auch anders sein – auf Deutsch: „Was feiern die Kimbanguisten heute?“, fragt sie. Ich blättere in meinem Block. „Den 99. Geburtstag, von äähm, dem ersten Sohn Simon Kimbangus“, antwortete ich und lächele in die Kamera. Gut, dass mich niemand verstanden hat. Es war sein Todestag.

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